Aufpfropfen im Weinbau: Definition, Ablauf und Reblausresistenz

Aufpfropfen ist eine Veredelungstechnik aus dem Pflanzenbau, bei der Teile zweier Pflanzen miteinander verbunden werden,

Aufpfropfen ist eine Veredelungstechnik aus dem Pflanzenbau, bei der Teile zweier Pflanzen miteinander verbunden werden, sodass sie zu einer gemeinsamen Pflanze heranwachsen. Im Weinbau ist dieses Verfahren besonders wichtig: Die europäischen Edelreiser, aus denen der oberirdische Teil der Rebe wächst, werden in der Regel mit Unterlagen amerikanischer Rebarten verbunden. Der wichtigste Grund dafür ist der Schutz vor der Reblaus, einem Schädling, der im 19. Jahrhundert große Teile der europäischen Weinberge zerstörte.

Wie funktioniert das Aufpfropfen?

Beim Aufpfropfen werden zwei Pflanzenteile miteinander verbunden:

  • Unterlage: Sie bildet das Wurzelsystem und stammt im Weinbau häufig von reblausresistenten amerikanischen Rebarten oder deren Kreuzungen.
  • Edelreis: Es stammt von der gewünschten europäischen Rebsorte und bildet den oberirdischen Teil der Pflanze, einschließlich Trieben, Blättern und später den Trauben.

Die beiden Pflanzenteile werden passend zugeschnitten und an den Schnittflächen miteinander verbunden. Unter geeigneten Bedingungen bildet sich an der Verbindungsstelle neues Gewebe. Dabei wachsen die Pflanzenteile funktionell zusammen, sodass Wasser und Nährstoffe zwischen Wurzeln und oberirdischen Pflanzenteilen transportiert werden können.

Nach erfolgreicher Veredelung entsteht eine Rebe, die die gewünschten Eigenschaften der Edelreissorte mit den Eigenschaften der Unterlage kombiniert. Dazu zählen insbesondere der Schutz vor Reblausbefall sowie eine an Standort und Boden angepasste Wuchsleistung.

Warum werden Weinreben aufgepfropft?

Der entscheidende Grund für die Veredelung europäischer Weinreben ist die Reblaus (Daktulosphaira vitifoliae). Dieser Schädling stammt ursprünglich aus Nordamerika und gelangte im 19. Jahrhundert nach Europa.

Die Reblaus befällt Reben und kann insbesondere an den Wurzeln erhebliche Schäden verursachen. Bei anfälligen europäischen Reben werden die Wurzeln geschädigt, wodurch die Wasser- und Nährstoffversorgung beeinträchtigt wird. Die Pflanzen können geschwächt werden und schließlich absterben.

Amerikanische Rebarten haben im Laufe ihrer Entwicklung Abwehrmechanismen gegen den Schädling ausgebildet. Ihre Wurzeln sind deshalb deutlich widerstandsfähiger gegen Reblausbefall als die vieler europäischer Rebsorten.

Durch das Aufpfropfen lassen sich diese Eigenschaften nutzen: Die widerstandsfähige Unterlage bildet die Wurzeln, während das Edelreis die gewünschte europäische Rebsorte hervorbringt. Diese Kombination machte den Wiederaufbau vieler europäischer Weinbaugebiete nach der Reblauskrise möglich.

Wichtig ist dabei: Reblausresistente Unterlagen bieten einen wirksamen Schutz, bedeuten aber nicht, dass jede veredelte Rebe gegen sämtliche Schädlinge und Krankheiten immun ist.

Welche Vorteile bietet das Aufpfropfen?

Die Veredelung ermöglicht es, verschiedene Eigenschaften gezielt miteinander zu kombinieren.

  • Reblausresistenz: Die Unterlage schützt das Wurzelsystem vor den typischen Schäden durch den Schädling.
  • Standortanpassung: Je nach Unterlage kann die Rebe besser mit bestimmten Bodenverhältnissen, beispielsweise Kalkgehalt oder Trockenheit, zurechtkommen.
  • Steuerung des Wuchses: Unterschiedliche Unterlagen beeinflussen die Wuchsstärke und können dadurch auch die Bewirtschaftung des Weinbergs beeinflussen.
  • Erhalt der Rebsorte: Die gewünschte europäische Rebsorte kann trotz der Reblausgefahr weiterhin angebaut werden.

Die Wahl der Unterlage ist daher eine wichtige Entscheidung bei der Anlage eines Weinbergs. Sie muss zur Rebsorte, zum Boden, zum Klima und zu den angestrebten Erträgen passen.

Aufpfropfen im Obstbau: Mehrere Sorten auf einem Baum

Auch im Obstbau wird das Aufpfropfen eingesetzt. So können beispielsweise verschiedene Apfel- oder Birnensorten auf einer gemeinsamen Unterlage wachsen. Solche Bäume werden umgangssprachlich oft als Mehrsortenbäume oder Naschbäume bezeichnet.

Voraussetzung ist, dass die miteinander veredelten Sorten ausreichend miteinander verträglich sind. Bei geeigneter Kombination können sie unterschiedliche Früchte hervorbringen, die zu verschiedenen Zeitpunkten reifen. Das ist besonders für kleine Gärten interessant.

Historischer Hintergrund: Die Reblauskrise

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts breitete sich die Reblaus in europäischen Weinbaugebieten aus. Der Schädling verursachte massive Ernteausfälle und vernichtete zahlreiche Rebbestände. Die Krise veränderte den Weinbau in Europa grundlegend.

Nach zahlreichen erfolglosen Bekämpfungsversuchen setzte sich die Verwendung widerstandsfähiger amerikanischer Unterlagen als zentrale Lösung durch. Das Aufpfropfen ermöglichte es, europäische Rebsorten weiter anzubauen, ohne sie vollständig durch amerikanische Reben ersetzen zu müssen.

Die Reblauskrise gilt deshalb als einer der bedeutendsten Wendepunkte in der Geschichte des modernen Weinbaus.

Fazit

Aufpfropfen ist eine Veredelungstechnik, bei der zwei Pflanzenteile zu einer gemeinsamen Pflanze verbunden werden. Im Weinbau werden europäische Rebsorten vor allem auf reblausresistente Unterlagen gepfropft. Das Verfahren schützt die Wurzeln vor einem gefährlichen Schädling und ermöglicht zugleich, wichtige Eigenschaften der gewünschten Rebsorte zu erhalten. Auch im Obstbau wird die Technik genutzt, um Sorten zu kombinieren und Bäume gezielt an Standort und Nutzungszweck anzupassen.